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Auf einen Schlag berühmt

Der CDU-Parteitag in Westberlin am 7. November 1968 stellte eine ungewollte Überraschung für den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger dar. Eine junge Frau lief auf ihn zu und erteilte im eine schallende Ohrfeige und rief dabei „Nazi, Nazi!“.

 

Diese Frau war die damals 29-jährige Beate Klarsfeld, die mit dieser Aktion auf die Nazivergangenheit Kiesingers hinweisen wollte. Der Rechtsanwalt Kiesinger trat bereits 1933 der NSDAP bei, ab 1940 war er unter Ribbentrop im Außenministerium tätig. Dort stieg er bis zum stellvertretenden Abteilungsleiter Propaganda auf, in enger Zusammenarbeit mit Joseph Goebbels Propagandaministerium. Mit ihrer spektakulären Aktion wollte Beate Klarsfeld auf Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft hinweisen. Dabei ging es ihr nicht nur um die Person Kiesinger, sondern ihre Motivation war: „im Namen von 50 Millionen Toten und der künftigen Generationen, in das abstoßende Gesicht der zehn Millionen Nazis zu schlagen, damit sie alle die gleiche Scham empfinden und sich die gleiche Röte der Ohrfeige auf ihren Wangen abzeichnet. Die Ohrfeige galt allen Kiesingers und Thaddens, die Demokratie sagen, wenn sie Notstandsdiktatur meinen, die Frieden sagen, wenn sie mehr Waffen kaufen, die Versöhnung sagen, aber die Grenzen in Europa nicht anerkennen wollen." Klarsfelds schlagkräftige Aktion bescherte ihr jedoch nicht nur mediale Aufmerksamkeit, sondern auch ein Gerichtsverfahren, das noch am gleichen Tag stattfand. Sie wurde zunächst zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das ungewöhnlich harte Urteil scheint besonders absurd unter der Tatsache, dass ein Gericht zu selben Zeit den Fall eines 60-jährigen Ingenieurs (und ehemaligen SA-Mitglieds) verhandelte, der vor einiger Zeit Rudi Dutschke mit einem Krückstock eine Platzwunde geschlagen hatte.

Der 60-Jährige wurde wegen schwerer Körperverletzung zu 200 DM Strafe verurteilt. Die Strafe gegen Beate Klarsfeld wird ein Jahr später auf 4 Monate reduziert und zur Bewährung ausgesetzt. In den Folgejahren arbeitete Beate Klarsfeld zusammen mit ihrem Mann Serge Klarsfeld zu Antisemitismus und zur (nicht geschehenen) „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Deutschland und anderen Ländern. Das Ehepaar beteiligte sich auch am Aufspüren von NazikriegsverbrecherInnen vor allem in Lateinamerika (siehe Artikel zu diesem Thema) und im Nahen Osten. Es ist Beate Klarsfeld zu verdanken, dass Klaus Barbie „Der Schlächter von Lyon“ 1972 in Bolivien aufgespürt wurde. Barbie wurde allerdings erst 1983 an Frankreich ausgeliefert, 1980 hatte er sich noch an einem Militärputsch beteiligt. Auch heute noch ist Beate Klarsfeld gegen Rechtsextremismus, Antizionismus und Antiamerikanismus aktiv. Bis heute fordert sie die Auslieferung des Nazi-Massenmörders Alois Brunner, der in Syrien mit dem Wissen und der Zustimmung des Baath-Regimes lebt.  

Aus: AStA-Kalender 2005 (unzensierte Version).

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