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Gegen Antisemitismus und Antizionismus

Rede von Jehoshua Chmiel (Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern) auf der Demonstration gegen Antisemitismus und Antizionismus am 26. Juli 2002

Liebe Münchnerinnen und Münchner,

als man mich bat Anstelle unserer Präsidentin Frau Charlotte Knobloch hier und heute eine Rede zu halten, war es für mich persönlich als Ihr Stellvertreter eine besondere Ehre und Freude dies tun zu dürfen.

Die Veranstalter dieser Demonstration haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass für Sie das Motto „gegen Antisemitismus und Antizionismus“ nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern eine Herausforderung darstellt, welcher Sie sich immer wieder auch Öffentlich stellen.

Daher ist es auch für die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern eine Selbstverständlichkeit diese Demonstration zu fördern und zu unterstützen.

Ich soll Ihnen die Gefühle der jüdischen Menschen dieser Stadt und dieses Landes, in den letzten Monaten und Jahren zum Thema Antisemitismus und Antizionismus zu schildern.

Das werde ich so gut es geht versuchen, bitte Sie aber zu berücksichtigen das es auch unter den Mitgliedern unserer Gemeinschaft eine Vielfalt von Meinungen gibt, welche nicht unbedingt mit Meiner übereinstimmen müssen.

Es ist für sehr viele Bürger in den letzten Wochen und Monaten vielleicht etwas befremdend, wie und vor allem, dass überhaupt zum x-ten Mal eine Debatte über a) Antisemitismus und b) Antizionismus in Deutschland stattfindet. Einer großen Zahl von Deutschen egal ob nichtjüdisch oder jüdisch hängt das im wahrsten Sinn des Wortes zum Halse heraus und Sie meinen es sollte endlich Schluss sein damit !!

Und wissen Sie was meine Damen und Herren – diese Leute haben RECHT. Eigentlich hätte schon längst Schluss sein müssen mit dieser Debatte der Vergangenheit, eigentlich dürfte es in diesem Land, in dieser Stadt und nirgendwo in Europa einen Anlass geben über das Thema Antisemitismus zu reden und Demonstrationen und Kundgebungen dieser Art abhalten zu müssen. Aber leider nur eigentlich- !!!

Die Realität holt uns immer wieder von neuem ein und wenn es vielen auch so vorkommt als ob wir Juden von vergangen Tagen sprechen, so irren Sie sich gewaltig. Wir reden von Hier und Heute und wir haben es leider gar nicht nötig irgendwelche „ Keulen der Vergangenheit zu schwingen „.

Das Heute ist Real genug für die meisten jüdischen Bürger dieses Landes.

Wir haben sehr genau registriert wie bei der unseligen Rede in der Paulskirche Alle bis auf Herrn Bubis seligen Angedenkens stehend Beifall klatschten. Beifall zu einem intellektuellen Befreiungsschlag, oder besser wie man solches ja heute nennt einem Tabubruch?! - der endlich einen Schlusspunkt setzen sollte.

Unter was haben wir uns da gefragt?

Wir haben auch die Reaktion der öffentlichen Meinungen in Deutschland beobachtet und zur Kenntnis genommen, dass Sie den damaligen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Ihrer großen Mehrheit allein ließen und nicht nur Ihn, sondern uns alle.

Ebenso haben wir sehr genau die Auseinandersetzung eines Fallschirmspringenden Politikers mit dem Zentralrat der Juden und die daraus resultierende öffentlichen Debatten beobachtet und auch dabei ist uns so mancherlei durch den Kopf gegangen.

Alleine waren wir auch dieses mal. Natürlich gab und gibt es immer Stimmen die sich erheben und den Ungeheuerlichkeiten des Gesagten, nämlich dem verdeckten und offenem Antisemitismus entgegentreten - aber Sie sind leider wie so oft wenn es um Juden geht in der aktiven Minderheit.

Es gab keinen Aufstand der Anständigen und keinen Aufstand der Demokraten – denn es geht doch nur um Juden und da wiederum doch nur wieder um angeblichen Antisemitismus. Wenn man hier Farbe bekennt und Positionen bezieht gewinnt man kaum Wähler oder Sympathien in dieser unserer Bundesrepublik.

Warum eigentlich nicht fragen wir uns ? Wir Juden glauben die Antwort zu kennen. Es ist aber an der Zeit das auch die Nichtjuden, die angeblich schweigende Mehrheit die Antwort erkennt.

Beide Fälle sind nur Beispiele für das was im negativen Sinne mit Juden in Deutschland in letzten Jahren geschieht.

Wir werden instrumentalisiert und benutzt um denjenigen die es nicht schaffen sich auf andere Art und Weise ins Rampenlicht zu bringen eine öffentliche Bühne zu bieten.

Dies gilt für Schriftsteller die Ihre Bücher loswerden wollen ebenso, wie für populistische Politiker, welche die Lufthoheit über den Stammtischen für sich proklamieren.

Sobald wir uns aber wehren und uns artikulieren schwingen wir angeblich „Keulen“ und instrumentalisieren das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte den Holocaust - und davon hat man genug - den man wird doch noch sagen dürfen - das der Jude selbst Schuld ist am Antisemitismus. Oder etwa nicht ?!

Dieser Satz sagt eigentlich schon alles. Was wird man denn noch sagen dürfen ? Vorurteile und Ressentiments loswerden andere beschimpfen und beleidigen und das nur weil Sie Juden sind ?

Nein meine Damen und Herren das wird man nicht dürfen - nicht mit Juden, nicht mit Türken nicht mit Andersgläubigen, oder Andersdenkenden mit keinem Menschen wird man dies dürfen.

Und genau das ist der eigentliche Grund warum wir uns Hier und Heute versammelt haben. Es geht nicht an das immer wieder alte Vorurteile und Lügen in diesem Land und in Europa ausgesprochen werden, ohne das Ihnen auf das Entschiedensde entgegengetreten wird.

Sogar mit der Maxime:“ Der Jude ist selbst Schuld, denn gäbe es Ihn den Juden nicht gäbe es ja auch keinen Antisemitismus“ irrt der Antisemit - denn Antisemitismus braucht keine lebenden Juden er braucht nur Sündenböcke. Und die Juden sollen wie es scheint in den Köpfen vieler unserer deutschen Bürger (mindestens 34%) wieder für all das Unrecht dieser Welt herhalten.

Wir Juden leben nicht in der Vergangenheit und sind auch nicht die Moralapostel dieses Landes , aber wir wehren den Anfängen wo und von wem auch immer Sie artikuliert werden. Dies tun wir weil unsere Generation selbstbewusst genug ist neben dem religiösen Stolz auf unsere jüdischen Traditionen und Vergangenheit auch für die demokratischen Werte und Rechte in diesem unserem Land einzutreten. Und nicht weil wir die heutige Generation der Nichtjüdischen Deutschen für die Verbrechen Ihrer Eltern oder Großeltern in Haftung nehmen.

Wir lassen uns nicht mehr in die Rolle des Sündenbockes zwingen. Wir beziehen Stellung egal ob es den Möllemännern dieser Welt gefällt oder nicht. Wir erwarten nicht das andere für uns handeln, denn da könnten wir lange warten - wir handeln selber.

Wir stehen heute an einem Platz der für die jüdische Gemeinschaft und für alle Bürger dieser Stadt eine Nagelprobe des gemeinsamen Zusammenlebens und der Normalität unserer Gesellschaft werden wird.

Wir Juden sind bereit zurückzukehren in die Normalität des Zusammenlebens und wir demonstrieren dies auch dadurch das wir wieder hier im Herzen der Stadt München unseren kulturellen und religiösen Mittelpunkt errichten wollen.

Der Unterstützung fast aller Parteien der Landeshauptstadt München und des Landes Bayern sind wir uns sehr wohl bewusst, und auch das außergewöhnliche Angagement unseres Oberbürgermeisters soll hier nicht unerwähnt bleiben. Aber wird uns auch die Nichtjüdische Münchner Bevölkerung unterstützen? Wird Sie uns sowohl moralisch als auch finanziell den Rücken stärken damit dieses einzigartige und für die jüdische Gemeinschaft Münchens überlebenswichtige Projekt fertiggestellt werden kann ?

Wir werden sehen - ich persönlich bin mehr als sehr zuversichtlich das dies geschehen wird.

Das zweite Schlagwort dieser Veranstaltung der Antizionismus ist für die meisten der hier lebenden Juden ein Synonym für das Wort Antisemitismus geworden. Und auch hier bestärkt sich meine These von der Sündenbock Theorie.

Juden werden Israelis und Israelis werden Juden gleichgesetzt. Dies geschieht hoffentlich häufig unbewusst (was auch immer unbewußt bedeuten mag) aber ebenso oft ganz gezielt.

Vor allem bestimmte Medien und Politiker machen keinen Unterschied in Ihrer Wortwahl. Sie wollen diese Gleichschaltung. Denn Sie sprechen damit ganz gezielt Vorurteile an.

Aber die meisten Juden dieser Welt sind keine Israelis. Und viele Israelis sind keine Juden. Also fragen wir uns was erreicht man mit der Gleichsetzung der Begriffe? Man schafft z.B. Stellvertreter und diese kann man dann ungestraft angreifen und beleidigen.

Wir als Israelitische Kultusgemeinde erleben dies täglich an den Anrufen und Schmähbriefen die uns, besonders nach dem Befreiungsschlag und angeblichen Tabubruches eines Fallschirmspringenden Reserveoffiziers der auch Politiker ist, in der Gemeinde erreichen. Und das nicht einmal mehr anonym sondern mit Unterschrift und Adresse.

Denn was ein Herr Möllemann oder ein Herr Blüm und viele andere des öffentlichen Lebens dürfen, das darf doch ein Müller und Schmid allemal.

Das heißt wir Juden in Deutschland werden im Guten und im Schlechten mit dem Staat Israel gleichgestellt ob uns das gefällt oder nicht. Und da fragen wir uns doch - wie sehen uns den eigentlich die anderen Bürger unseres Landes unserer Stadt. Sind wir Deutsche und Münchner jüdischen Glauben oder Israelis und eben nur Juden ?

Natürlich haben die Juden in Deutschland eine sehr innige und intensive Beziehung zu Israel. Sehr viele haben Verwandte und Freunde dort und es ist sehr leicht nachzuvollziehen das Sie deren Ängste und Meinungen eher übernehmen können als die der Palästinenser.

Aber sind Sie deswegen schlechtere Bürger dieses Landes als die Sachsen, Preußen, Schwaben oder Bayern? Bestimmt nicht. Und wenn man echte Kritiker konservativer oder gerade aktueller israelischer Politiker hören möchte, braucht man keine Blüms oder Möllemänner. Es sind die Israelis und Juden selber die kritisieren und anklagen, aber Sie halten sich an die demokratischen Spielregeln und spielen nicht auf der Klaviatur der Vorurteile die man mit Antisemitismus und Antizionismus bedient.

Wir Juden in Deutschland sind nicht die Repräsentanten des Staates Israel. Dieser hat in Berlin einen Botschafter welcher die Interessen des Staates Israel in Deutschland vertritt. Wir werden aber immer unser Stimme erheben und versuchen unsere Meinung kundzutun, wenn wir glauben das das Israelbild in Deutschland verzehrt wird Diese Recht werden wir uns auch von niemanden verbieten lassen.

Zum Abschluss möchte ich betonen, dass Ich persönlich davon überzeugt bin -Es gibt für Juden in Deutschland eine Zukunft !

Gemeinsam mit allen Bürgern dieser Stadt und dieses Landes egal welcher Religion Sie auch angehören mögen, kann und muss diese Zukunft aufgebaut und gefestigt werden und dies nicht nur für Juden sondern für alle Menschen.

Nur eine Gesellschaft, welche das Anderssein respektiert und Minderheiten in seinen Reihen zulässt und diese nicht zur Assimilation zwingt kann eine Gesellschaft der Zukunft sein. In einem vereinigten Europa und in einer friedlichen Welt die ich uns und den uns Nachfolgenden Generationen von ganzen Herzen wünsche.

Vielen Dank.

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