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Sie sind hier: Startseite Beiträge Demo 26. Juli 2002 Dichter und Henker - 'Intellektueller' Antisemitismus und die Walser-Debatte

Dichter und Henker - 'Intellektueller' Antisemitismus und die Walser-Debatte

Rede des AK Antisemitisus auf der Demonstration gegen Antisemitismus und Antizionismus am 26. Juli 2002

Nachdem Ignaz Bubis Martin Walser einen „geistigen Brandstifter“ nannte wurde ihm vorgeworfen er habe unberechtigterweise in die künstlerische Freiheit des Dichters Walser eingegriffen. Als Dichter, hiess es, kann Walser viele Dinge sagen, ohne gleich kritisiert zu werden. Aber warum eigentlich? Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut – doch Kritik an von Künstlern geübten politischen Aussagen abzulehnen ist nicht nur Feigheit sondern die Verweigerung eines Diskurses. Es ist der Versuch, das Politische in die Sphäre des metaphysischen, des ungreifbaren, unkritisierbaren und doch unterschwellig um so wirksameren zu verschieben. Dem möchten wir uns heute entziehen und dort klare Worte sprechen, wo klare Worte angebracht sind:

Ein Hackergruppe hat das aktuelle Walser’schen Werk zum Anlass genommen eine angebliche Kopie des Buches als Datei im Internet zu veröffentlichen. Sie schrieben dazu "dass wir martin walser, auch ohne sein neues buch gelesen zu haben, fuer ein arschloch halten, versteht sich hoffentlich von selbst". Auch nach der Lektüre ist es nicht falsch, sich diesem Urteil anzuschließen.
Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität München vor ein paar Wochen folgendes gesagt:

"[...] ich kann nicht verheimlichen, was ich in diesen Wochen in dem Land empfinde, dessen Bürger ich bin: Ich empfinde Verachtung und - Angst. Das sind große Worte, ich weiß es. Aber ich kann sie nicht mildern oder gar zurücknehmen.“

Was kann dazu führen, dass dieser berühmte Kritiker und Schriftsteller solche Worte sagt? Wurde ein Asylbewerberheim angezündet oder zog ein antisemitischer Mob in Pogromstimmung durch die Strassen? Nein – ein kleines Buch ist erschienen. Ein kleines, langweiliges Buch mit einer großen Wirkung und einer klaren Aussage.

„Ein Autor, der von einem Kritiker mehrfach ungünstig und vielleicht auch gelegentlich boshaft beurteilt wurde, holt zum Gegenschlag aus. Das ist in der Geschichte der Literatur unzählige Male passiert. Ein Grund zur Aufregung ist das nicht. Jeder kennt Goethes Gedicht, das mit den Worten endet: 'Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.' [...] Nur hat er [Walser] nicht ein freches Gedicht geschrieben, sondern einen ganzen Roman, und dessen Fazit lautet nicht etwa 'Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent', sondern 'Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Jude'.

[...]

Schon sind rund hundertfünfzigtausend Exemplare dieses Buches im Umlauf, eines Romans, der gegen die Juden hetzt, der, hier und da dem Vorbild des "Stürmers" folgend, Ekel hervorrufen möchte. Welche Folgen werden sich daraus ergeben? Ich weiß es nicht, denn ein solcher Roman ist nach 1945 in deutscher Sprache noch nicht veröffentlicht worden. Ich weiß es nicht, ich fürchte mich. Ich bin nun 82 Jahre alt, doch der Autor vom Bodensee kann sich nicht damit abfinden, daß ich noch lebe und arbeite. Er kann sich ja ausrechnen, daß das nicht mehr lange dauern wird. Aber er ist auf grausame Weise ungeduldig.“

Die Walser-Debatten wird man wohl bald durchnummerieren müssen, um den Überblick nicht zu verlieren, bei welcher Gelegenheit es mal wieder aus dem deutschen Dichter spricht. Meist herrscht auch kein Mangel an wohlmeinenden Zeitgenossen, die sich in moralischer Empörung und Bestürzung nur so winden. Doch hat es nicht Methode – hat es nicht ein politisches Programm – , was Walser seit vielen Jahren vollzieht?

Auf dem Wege der Entsorgung der deutschen Vergangenheit ebnet Walser eben diesem Deutschland den Weg für neue Taten. Die programmatische Erklärung dazu lieferte er schon 1979: "Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden."

Dieser Wunsch scheint immer mehr in Erfüllung zu gehen: Der wichtigste Schritt in diese Richtung war die schlafwandlerische Sicherheit, mit der der ehemalige Verteidigungsminister Scharping die Konzentrationslager der Deutschen Judenvernichtung plötzlich 1999 im Kosovo verortete und somit deutsche Soldaten plötzlich die Rolle der KZ-Befreier spielten.

Doch erst jetzt, im Jahre 2002 ist Auschwitz auch offiziell endlich da angekommen, wo es schon immer hingehörte: In der Verantwortung der Juden. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex schrieb, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden. Kann die Vergangenheit nicht weggewischt werden muss sie eben umgewidmet werden. Umgewidmet, so dass sie nicht mehr die Schrecklichkeit der Deutschen Taten spiegeln kann, sondern damit Auschwitz endlich überall da ist, wo die deutsche Aussenpolitik es gerade für nötig hält. Wenn der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramango den "Geist von Auschwitz über Rammalah" schweben sieht und Blüm gemeinsam mit der SZ und dem Gegenstandpunkt Israel „Vernichtungskrieg“ vorwirft, kann Deutschland die als Fesseln empfundene Vergangenheit abstreifen. Wohin führt uns das? Zu deutschen Soldaten in Israel? Hoffentlich nicht.

Wie heißt es so schön „Nie wieder Auschwitz – Nie wieder Krieg“. Wenn der Kriegseinsatz gegen Jugoslawien mit dieser Parole geführt wurde, was passiert dann in deutschen Politikerköpfen, wenn nicht nur der Intellektuelle Saramango den Geist von Auschwitz über Ramallah wähnt, sondern auf deutschen Strassen Parolen wie „Sharon ist - Mörder und Faschist“ oder „Stoppt den israelischen Holocaust“ skandiert werden.

Wer kann sagen, was nun schlimmer ist? Wenn DemonstratInnen (wie in München und Berlin kürzlich) „wir wollen keine Judenschweine“-skandierend durch die Strassen laufen und in Unter den Linden den Hitler-Gruss zeigen ...
[... übrigens, wie einige nun meinen handelte es sich keineswegs um einen NPD-Aufmarsch, sondern um eine Palästina-Solidaritätsdemo, an der u.a. auch der aussenpolitischen Sprecher der PDS-Bundestagsfraktion teilgenommen hat]

Ist nun das schlimmer, oder wenn Dichter und Denker die deutsche Vergangenheit verdrängen und Parolen wie „Stoppt den israelischen Holocaust“ erfinden. Parolen, die – wie Schröder schon angedacht hat – dazu führen, dass Deutsche Soldaten in Israel stehen könnten. Deutschland ist schliesslich ein Land, das seine aussenpolitische und militärische Handlungsfähigkeit dadurch erlangt, dass es immer das grosse Schild vor sich herträgt: „Wir haben aus der Geschichte gelernt und deshalb müssen wir leider [und hier kann mensch einen beliebigen Feind einfügen] bombardieren“.

Von der alten 'zurückhaltenden' Aussenpolitik, als man 'nur' Giftgas lieferte hat sich Deutschland abgewendet - hin zu einer Politik, die offen wirtschaftliche und politische Einflussgebiete absteckt und immer aggressiver in Konkurrenz mit den USA versucht, seine Interessen zu vertreten. Dass diese Interessen nicht der Weltfrieden oder eine gerechte Friedenslösung im Nahen Osten sind versteht sich leider von selbst. Die Menschenrechtsrethorik, die diese Politik zu verkaufen hilft kennen wir zu genüge, doch diese plötzlich bei den sonst so kritischen Stimmen zu hören verwundert.

Auf einer politischen Veranstaltung habe ich es in der denkbar schlimmsten Form gehört: „Wir müssen die doch zwingen!“ hieß es zu den Notwendigkeit für Deutschland im Nahen Osten einzuschreiten. Warum ist die Begeisterung so groß, dass mit den Fäusten auf den Tisch getrommeln werden muss, wenn Israel Staatsterrorismus vorgeworfen wird? Warum ist es plötzlich völlig egal, dass sich in dem Satz „Wir müssen die doch zwingen!“ nicht nur ein militärischer Interventions-Appel an die Bundesregierung, sondern in dem „Wir“ in erster Linie die Volksgemeinschaft des Kulturvolkes Deutschland verorten lässt.

Für diese Volksgemeinschaft dachte auch Walser, als er 1999 in der Paulskirche nicht genauer genannten Mächten die "Instrumentalisierung unserer Schande für diesseitige Zwecke" vorwirft. Er hat es unter dem Beifall der anwesenden kulturellen und politischen Elite geschafft, Auschwitz nicht nur von einem Verbrechen zu einer "Moralkeule" umzustilisieren, sondern diese auch noch gegen die Juden umzudrehen indem er ihnen die Verwendung dieser Waffe zur vorwirft. Denn wen meinte er anders, als z.B. den juristischen Vertreter der Zwangsarbeiter.

Die Figur Wolfgang Leder sagt in Walsers neuem Buch, er "wisse an Ehrl-König nichts so sehr zu schätzen wie dessen Zurückhaltung in der Herkunftsfrage." Ein guter Jude ist wohl derjenige, der keiner sein will. Die christliche Abstammung des mutmaßlichen Mörders betont Walser übrigens nicht, man erfährt nicht einmal ob er katholisch oder evangelisch ist. Dafür erfährt man um so mehr über das Sexualleben des ermordeten Kritikers. Dieser vergnügt sich gerne mit "Mädelchen" und lässt sich jede "aufgetauchte Literaturjungfer" von seinem Verleger melden. Ehrl-Königs Einfluß ist so groß, dass er nicht wegen sexueller Belästigung belangt werden könne. "Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt" heißt es in Goethes' Erlkönig als dieser das Kind in den Armen des Vaters tötet. Walsers Vereinigung der antisemitischen Klischees vom Juden als Kindermörder und Mädchenschänder ist im Namen des Opfers eindeutig, und nichts anderes als widerwärtig.

Wer Auschwitz den Jüdinnen und Juden anhängen kann, für den ist es eine leichte Übung im Gespräch mit dem Kanzler Hitler den Alliierten in die Schuhe zu schieben. Auf seiner Suche nach neuen Erklärungen, weil er es nicht akzeptieren könne dass die Deutsche Geschichte unvermeidlich nach Auschwitz führen musste, fand Walser endlich die wahren Schuldigen: "Das wichtigste Glied in der historischen Kette bleibt: ohne Versailles kein Hitler." Richtiggehend dazu angestiftet wurden die Deutschen von Briten, Franzosen, Amis und Russen den Holocaust zu organisieren. Was ist dan eigentlich noch deutsch an der Deutschen Geschichte, wenn sich Auschwitz in Ramalahm, KZ’s im Kosovo und Hitler in Versailles finden lässt?

Endlich sind sie weg, die Gespenster der Vergangenheit, dann kann man ja wieder zur Vollendung unerledigter Taten schreiten. Judenhass ist keine Ideologie die sich einer politischen Strömung zuordnen ließe, quer durch die politischen Lager finden sie sich, die kleinen Ekel, die gerne "Intifada bis zum Sieg" brüllen, oder mit Möllemann der Ansicht sind, Friedmann sei am Antisemitismus schuld. Warum ist er nicht Schuld an einem wütenden Hass auf alle Fernsehmoderatoren, oder auf alle CDU-Mitglieder? Die spezifische Eigenschaft jedes einzelnen Juden und jeder einzelnen Jüdin ist für Antisemiten nicht, dass sie gute ode schlechte Frisöre, Anwältinnen, Moderatoren oder Politikerinnen sind, sondern dass sie Juden sind. Nicht „Schlagt ihn tot, den Hund, es es ein Kritiker“ sondern eben „Schlagt ihn tot, den Hund, es ist ein Jude.“

Es ist höchste Zeit, sich diesem Trend nicht nur entgegenzutreten, sondern ihn auch klar als das zu bezeichnen, was er ist, nämlich ein Wiedererstarken des Antisemitismus durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Wir müssen uns daher an die Seite der Jüdinnen und Juden in Deutschland und überall, besonders auch in Israel stellen.

Warum der Antisemitismus in letzter Konsequenz den Tod der Juden will, darüber gehen die Meinungen weit auseinander, doch darüber dass der zeitgemäße Ausdruck dieser Einstellung der Antizionismus ist, kann kein Zweifel bestehen. Deutschen Antizionisten geht es eben um das jüdische. Nicht die Gegnerschaft zu der politischen Strömung "Zionismus" treibt sie an, sondern eine fundamentale Gegnerschaft zu Israel als jüdischen Staat.

Man muss keineswegs Zionist sein, um den Antisemitismus zu bekämpfen, doch muss man den Antizionismus - insbesondere den deutschen - als Antisemitismus erkennen und bekämpfen.

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