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Gedenkpolitik

Rede von Wolfram P. Kastner (Aktionskünstler, München) auf der Demonstration gegen Antisemitismus und Antizionismus am 26. Juli 2002

Antisemitismus, dieses Konglomerat aus Klischees, Vorurteilen, Verschwörungsvermutungen und Idiotie, Verächtlichmachung, Angst, Unwissenheit und Hass und ist nicht die Erfindung böser Nazis. Die waren und sind zu keiner Erfindung fähig.

Er ist das verrottete Fallobst einer Jahrhunderte alten Tradition der katholischen wie der evangelischen Kirche.

Das Schimpfwort "Judensau" stammt aus den christlichen Kirchen. In mehr als 25 deutschen Kirchen gibt es solche Hohnskulpturen: in Regensburg, in Nürnberg, in Xanten, in Basel, in Köln, Bamberg, in Bayreuth, Cadolzburg, Heilsbronn, Magdeburg usw. alleine in Bayern mindestens 7 und nur in Wittenberg gibt es seit 1993 eine öffentlich sichtbare Distanzierung von seiten der Kirche. In Köln, wo ich kürzlich eine öffentliche Diskussion darüber anregte, fand die Dombaumeisterin dies "geschmacklos".

Nicht das Wort und das Schmähbild und das Schweigen der Kirche.

Die 120 überwiegend jungen Leute, mit denen ich vor dem Dom darüber sprach, waren entsetzt und forderten eine öffentliche Kommentierung und Distanzierung der Kirche. Die aber schweigt, verdrängt und leistet damit der Dummheit und dem Antisemitismus Vorschub.

In München in der Möhlstraße 21 sitzt die rechtsextreme Burschenschaft Danubia; In der "Villa Julius Kaufmann". Dieses Haus wurde 1938 den jüdischen Eigentümern geraubt. Die deutschen Räuber heißen Leonrod. 1940 verübten die Kaufmanns gemeinsam mit ihrem Sohn Selbstmord, um der Deportation, der Demütigung und der Ermordung zu entgehen. Die Arisierer vererbten das Raubgut weiter an Karl von Manz, der es dann seiner Burschenschaft Danubia verkauft. Horst Mahler und andere Antisemiten und NPD-Leithammel hatten dort Zugang. In diesem Haus fand auch Christoph Schulte der Haupttäter des Überfalls auf den Griechen Artemios Unterschlupf. Es gibt einen Antrag auf Enteignung dieses Schlupflochs an den OB und den Stadtrat. Ein Freund, dessen jüdische Familie, in diesem Land gequält, beraubt und ermordet wurde, hat dies auf den Weg gebracht. Warum nicht der OB und die Stadträte der SPD und der CSU? Man wird sehen, was daraus wird.

Im Alten Rathaus in München wurde 9. Nov. 1938 das Signal gegeben zur sog "Kristallnacht". Das bedeutete systematische Verfolgung der Juden, Zerstörung, Raub und Mord. 1954 wurde dort vom SPD-OB Wimmer ein Kreuzrelief angebracht, für die nicht heimgekehrten deutschen Kriegsgefangenen mit der Aufschrift: "Ihre Leiden bleiben unvergessen". Ein Hinweis auf den deutschen antisemitischen Wahnsinn ist dort öffentlich nicht zu finden. 1998 schlug ich vor, an diesem Ort eine gut sichtbare Lichtinstallation mit Texten und Bildern anzubringen zur Erinnerung an die unvergleichlichen und mit diesem Ort zusammenhängenden Leiden der Münchner, der deutschen und der europäischen Juden. Das haben der OB dieser Stadt und sein persönlicher Hofrat (sog. Ältestenrat) verschleppt und verhindert. Seit 2000 befindet sich nun im Inneren - also hinter verschlossenen Türen - eine Tafel, die erwähnt, dass dieser Tanzsaal für stadtherrliche Feste benutzt und von den Nazis missbraucht wurde. Niemand sieht was, niemand stört was: nichts gesehen - nichts geschehen! Solche Vertäfelung im Unsichtbaren bleibt nicht wirkungslos:

Sie ist Ausdruck des Rückzugs, der Vorsicht, ja des Zurückweichens vor der fürchterlichen deutschen Tradition der Ausgrenzung und des Antisemitismus. Solche Tafeln und inhaltlich mitunter gute Reden hinter verschlossenen Türen und vor Gleichgesinnten sind eigentlich nur Selbstbeschwichtigungen.

Der Rückzug aus der Öffentlichkeit ermutigt Rechtsradikale und Rassefanatiker, überlässt ihnen den öffentlichen Raum und lädt sie regelrecht dazu ein, sich öffentlich zu zeigen.

Ein Oberregierungsrat der Regierung von Oberbayern, mit dem ich wegen der Anmeldung der Kurt-Eisner-Stiftung zu tun hatte, fragte mich: "Sagen Sie mal, der Eisner, der war doch Jude." Und: "Wenn die Juden den Mund gehalten und sich zurückgehalten hätten, dann wäre ihnen doch gar nichts passiert.

Da ist es nicht mehr weit zu der selbstverständlich vorgetragenen Bemerkung eines Taxifahrers "Die Juden sitzen doch heute überall drin" oder der Behauptung "Das jüdische Kapital regiert die Welt."

Als ich vor ein paar Jahren eine öffentliche Intervention gegen Antisemitismus in München durchführte, (zwei Männer in SA-Uniform führten fünf Personen mit gelbem Stern durch die Fußgängerzone) stellte ein Staatsanwalt drei Strafanträge gegen mich wegen unangemeldeter Versammlung. Als ich dann eine Genehmigung bei der Stadt München beantragte, wurde die Aktion verboten, mit der Begründung, die Stadt müsse für die "Seelische und körperliche Unversehrtheit der Passanten" sorgen. Man könne nicht unterscheiden, ob es sich um Wirklichkeit oder um eine gestellte Situation handele. Erst als die Presse sich einschaltete, wurde das Strafverfahren eingestellt und eine Genehmigung erteilt. Der OB hatte erklärt, so etwas gehöre nicht in die Fußgängerzone zwischen Obstwagen und Clown. Wohin denn sonst? Sind Demokratie und Achtung der Menschenwürde öffentliche Angelegenheit oder Heimlichkeiten für Hinterzimmer?

In den öffentlichen PolitikerReden zum 9. November werden Menschen, die in diesem Land leben, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und vielleicht jüdischen Glaubens sind, von Politikern zumeist als "jüdische Mitbürger angesprochen. Gibt es also Bürger und Mitbürger? Wurden Sie schon mal als "katholische" oder "evangelische Mitbürger" oder "religionslose Mitbürger" angeredet? Ist diese Unterscheidung nicht schon eine zumindest unachtsame Ausgrenzung?

Von gutmeinenden wird häufig das Wort Toleranz verwendet und es gibt such in München ein "Bündnis für Toleranz". Tolerare heisst "ertragen". "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heisst beleidigen." (Goethe, Maximen und Reflexionen)

Nicht selten werde ich von Leuten, die meine öffentlichen Aktionen begrüßen, im Vertrauen gefragt; "Warum machen Sie das? Sind Sie jüdisch?"

Nein es ist nicht die Aufgabe der Verfolgten und Gefährdeten, gegen Ausgrenzung, Diffamierung und Verfolgung aufzustehen und öffentlich zu handeln. Es ist eine Notwendigkeit für jeden Einzelnen.

Noch ist das keine Frage des Mutes sondern eine Selbstverständlichkeit für alle, denen Menschenwürde, Achtung und Unversehrtheit der Person etwas bedeutet. Ich wünsche Ihnen und uns solch selbstverständliches Handeln nicht nur von Politikern, sondern von jedem Einzelnen.

Darauf kommt es an!

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