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Nationalsozialismus und Antisemitismus

Grundlagenreferat zum Text „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ von Moishe Postone

"Die unkritische und sehnsüchtige Identifizierung junger Deutscher, die sich selbst als Linke verstehen und z.B. in der Gewerkschaftsjugend, bei den Jusos, in VVN und DKP oder anderswo aktiv sind, führt zu einem völlig ideologisierten Bild von Geschichte. Wer die Arbeiterbewegung ausschließlich als Opfer der Nazis sieht und weiterhin nur seine Vorliebe entweder für die damalige SPD oder KPD, bzw. eine der Splittergruppen pflegt und somit gleichsam die Kämpfe von damals weiterführt, wer, andersherum gesprochen, als junger Linker in Deutschland nicht akzeptieren will, daß an die Stelle von Identifikation zuallererst rigorose Analyse und Kritik, insbesondere der Fehler von damals treten muß, der wird selbst Teil eines linken Verdrängungszusammenhangs."

Dies schrieb Nikolaus Simon in dem 1991 erschienen Buch Der Antisemitismus und die Linke (hrsg. von Brumlik, Kiesel, Reisch). Auch dem Antifaschismusreferat des AStA der Geschwister-Scholl-Universität ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ein wichtiges Anliegen und so wurde ein Seminar veranstaltet, bei dem der Text von Moishe Postone Nationalsozialismus und Antisemitismus gelesen und kritisch diskutiert wurde. Hier wird ein Grundlagenreferat dokumentiert das den Text von Postone nicht referiert, sondern eine Einordnung des Textes vornimmt und darüber hinaus versucht Grundwissen zum Verständnis des Textes, wie z.B. die Theorie des Fetischcharakters der Warenform zu erläutern. Die Erklärungen haben aber Thesencharakter und sind manchmal verkürzte/ bzw. vereinfachte Erklärungen.

 

Grundlagen Referat zum Text „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ von Moishe Postone:

Zur Person Moishe Postone :

Moishe Postone, geb. 1942, Dr. phil., lehrt Soziologie an der Universität in Chicago und hat Time, Labour and Social Domination: A Reinterpretation of Marx’ Critical Theory 1993 bei Cambridge University Press veröffentlicht. Zwischen 1972 und 1982 lebte der Autor in Frankfurt am Main und war Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung. In der Bundesrepublik ist Moishe Postone bekannt geworden durch einen „Offenen Brief“ an die Deutsche Linke sowie durch seinen Aufsatz „Antisemitismus und Nationalsozialismus“, der 1979 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus erschien. Dieser Aufsatz reflektiert die Aufnahme des Filmes „Holocaust“ in der BRD und diskutiert den Antisemitismus in der BRD. Der zweite Teil des Beitrages erschien in überarbeiteter Form im Merkur (1982) und wurde in dem von Dan Diner herausgegebenen Band Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz sowie in der Zeitschrift Kritik und Krise, herausgegeben vom ça ira-Verlag, übernommen.

Forschungsschwerpunkte: Kritische Theorien der Moderne, Deutschland im 20. Jahrhundert, Antisemitismus u.a.

Publikationen (Auswahl):

  • Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft
    Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx (Original 1993)
    http://www.isf-freiburg.org/ca-ira/postone_marx.htm , Ca ira 2003
    (Rezension hier: http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=101&print= )

  • Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen.
    Ca ira. 2004 

  • Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch
    http://www.krisis.org/m-postone_nationalsozialismus-und-antisemitismus.html

  • Antisemitismus und Nationalsozialismus (Version von 1979)
    http://www.labandavaga.antifa.net/php/klassiker/postone.php (siehe auch Nachbemerkung)
  • Brick, Barbara/Postone, Moishe, Kritischer Pessimismus und die Grenzen des traditionellen Marxismus, in: Wolfgang Bonss u. Axel Honneth (Hg.), Sozialforschung als Kritik: zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie; Frankfurt/M. 1982, S. 179-239. (Über Friedrich Pollock)
  • Postone, Moishe/Reinicke, Helmut, Dialektik und Proletariat, Zur ökonomiekritischen Analyse des Diamat, in: Claudio Pozolli (Hg.), Faschismus und Kapitalismus, Jahrbuch für Arbeiterbewegung, Band 4, Frankfurt 1976, S. 259-284.
    http://www.krisis.org/m-postone_dialektik-und-proletariat.html
  • Vom bloßen Arbeiter zum vollständigen Menschen
    Der traditionelle Marxismus arbeitete an der Befreiung der kapitalistischen Arbeit statt an ihrer Abschaffung.

    http://www.giga.or.at/others/krisis/n-trenkle_importgut-wertkritik_postone.html
  • Interview: Moishe Postone über den Zusammenhang von Weltmarkt, Kapitalismus und Antisemitismus
    http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=171


Audiomitschnitte von Veranstaltungen mit Moishe Postone:

  • „Die Logik der Vernichtung“: Referat und Diskussion mit Moishe Postone (120 Min)
  • Die Arbeit, der Wert, die Krise: Moishe Postone, Ernst Lohoff und Joachim Bruhn diskutieren zum Thema "Was ist der Wert der Arbeit?" (90 Min)
    Link zum Download: http://www.contextxxi.at/html/start/start_fr.html

 

Bedeutung seines Werks:

  • Postone kann als Begründer der „Wertkritik“ gelten. Mitte der achtziger Jahre entstanden wertkritische Gruppen in Deutschland:
  • Vertreter des „Westlichen Marxismus“, Weiterentwicklung der Kritischen Theorie

1. Westlicher Marxismus und Wertkritik

Vertreter des Westlichen Marxismus :

(Begriff und Zugehörigkeit ist umstritten, soll keine Einheit suggerieren), Abgrenzung zu Parteimarxismus. 

  • Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewusstsein, 1923 )
  • Karl Korsch (Marxismus und Philosophie 1923)
  • Alfred Sohn-Rethel (Geistige und körperliche Arbeit, Warenform und Denkform, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus )
  • Situationistische Internationale: Mustapha Khayati (Über das Elend im Studentenmilieu) , Guy Debord (Die Gesellschaft des Spektakels)
  • Frankfurter Schule: Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse u.v.a
  • Johannes Agnoli ( Subversive Theorie, Die Transformation der Demokratie)
  • (Antonio Gramsci)  ( Gefängnishefte), prägte die Begriffe kulturelle Hegemonie, Zivilgesellschaft, Fordismus
  • (Gruppe Internationaler Kommunisten) ( Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Thesen über den Bolschewismus

Was ist Wertkritik?

  • Wertkritik definiert sich in Abgrenzung zum traditionellen Marxismus:
  • Der traditionelle Marxismus ist nur eine radikale Form der Sozialdemokratie
  • Dieser begreift den Kapitalismus nicht als soziales Verhältnis und als „warenvermittelte Herrschaftsform“
  • Ontologisiert die Arbeit
  • Antikapitalismus als bloßer Verteilungskampf
  • Kritik an Distribution, nicht an Produktion
    Die Marxsche Kritik an Produktion und Distribution war an die Idee gebunden, dass das Proletariat sich selbst abschafft. Der traditionelle Marxismus ersetzt Marx’ Kritik wesentlich an der Produktion durch eine Kritik allein der Distributionsweise. Aus der Idee der Abschaffung des Proletariats wird die Idee seiner Selbstverwirklichung.
    (Postone)
  • Personalisierung des Kapitalismus 
  • Holocaust wird durch „Profitgier“ erklärt

Fokus der Wertkritik:

Das Kapital von Karl Marx ist die wichtigste Grundlage 

  • Arbeit, Wert, Ware, Geld, Kapital als historisch-spezifische Kategorien
  • Kritik der Warengesellschaft auf der Grundlage, dass es "kein Problem dieser Entwicklungsstufe der Menschheit (gibt), dessen Lösung nicht in der Lösung des Rätsels der Warenstruktur gesucht werden müßte" (Georg Lukács)
  • Kritik der Arbeit

„Das Proletariat vollendet sich erst, indem es sich aufhebt, indem es durch Zuendeführen des Klassenkampfes die klassenlose Gesellschaft zustande bringt.“ (Georg Lukács)

Ware und Wert:

Doppelcharakter der Warenform:

  • Gebrauchswert: Die Nützlichkeit einer Ware: ein Stift kann schreiben (konkrete Seite) 
  • Tauschwert: Der Wert zu Tauschen, ein Stift ist 5 Zigaretten oder eine bestimmte Summe von Geld (abstrakte Seite)
  • Geld: Allgemeines Tauschäquivalent, alle Waren lassen sich als Geld darstellten 
  • Produktionssphäre: Arbeitsprozess, konkrete Arbeit, Gebrauchswertproduktion wird konkret erfahren
  • Zirkulationsphäre: Warenaustausch, Geldverkehr, Börse wird als abstrakt erfahren

 

2. Der Fetisch und die Ware:

  • Das Wort "Fetisch" stammt aus dem Portugiesischen, wo "feitico" Zauber bedeutet.
  • Marx übernimmt den Begriff des Fetischs aus der Ethnologie
  • In der Ethnologie beschrieb Fetischismus die Vorstellung einer belebten/beseelten Natur
    Ein Fetisch ist ein Ding, dem unabhängig von seiner realen Beschaffenheit Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht von Natur aus besitzt. Beispielsweise ein Stück geschnitztes Holz, dem die Eigenschaft zugeschrieben wird, Regen herbeizuführen. Auch wenn das Stück Holz diese Eigenschaft nicht von Natur aus besitzt, so scheint sie ihm doch von dem Augenblick an natürlich anzuhaften, von dem an es sich gesellschaftlich durchgesetzt hat, daß ihm diese Eigenschaft zuerkannt wird. Die Menschen beginnen danach zu handeln und der Fetisch wird gesellschaftlich wirksam.“
  • der Warenfetisch unterscheidet sich vom sexuellen Fetisch von Freud:
    • des sexuellen Fetischs ist man sich bewusst, des Warenfetischs nicht
    • sexueller Fetisch: einem materiellen Gegenstand geheimnisvolle Macht zuzuschreiben und ihn zu verehren (Fähigkeit eines sexuellen Stimulans)
  • Treptow: Entfremdung als „Verkehrung und Versachlichung“ sozialer Beziehungen
    Die Ware / die Ökonomie erscheint als eigenständig und unabhängig von Menschen, dabei wird sie durch Menschliche Arbeit/Handeln geschaffen
  • Im Fetischismus wird "die eigne Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht." (Marx, „Die deutsche Ideologie)
  • "Man könnte (...) sagen, daß das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware den ganzen historischen Materialismus, die ganze Selbsterkenntnis des Proletariats als Selbsterkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft (...) in sich verbirgt". (Lukács)

Warenfetisch:

  • Warenfetisch ist eine Mystifikation, die aus dem Tauschwert der Ware entspringt
  • Der Wert der Ware scheint ihr von „Natur aus“ anzuheften (der Wert ist aber etwas rein Gesellschaftliches)
  • Im Austauschprozess setzen Menschen ihre individuellen Privatarbeiten gleich, „sie wissen das nicht, aber sie tun es“ (Marx) 
  • Den Produzenten „...erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“ (Marx)
  • es sieht so aus, als ob die Ware mit dem Produzenten an der Leine zum Markt gehen würde

Geld- und Kapitalfetisch

  • Fetischisierung der Börse: wo aus Geld mehr Geld wird, da kann es nicht mit rechten Dingen zu gehen

 Was folgt aus dem Fetischismus:

  • für das Abstrakte, Unerklärliche muss ein Grund gefunden werden
  • Geldkritik, Geld als Wurzel alles Übels ->siehe Tauschringe
  • Verschwörungstheorien
  • Antisemitismus: ökonomische Krisen werden auf den „Willen der Juden“ zurückgeführt, 
  • Antisemitismus als Welterklärungsmodell ( Detlev Claussen: Alltagsreligion)

Weiterentwicklung des Fetischismus:

  • Georg Lukács:Theorie der Verdinglichung (des Bewusstseins): soziale Gesellschaftliche Phänomene werden verdinglicht/ naturalisiert: als ewig und unveränderbar dargestellt.
  • Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Das Spektakel ist so etwas wie das „höchste Stadium des Fetischismus“. Die Menschen werden zu Zuschauern (eines Kinofilms) degradiert und können gesellschaftliche Vorgänge nicht beeinflussen. 

Andere Formen von Verdinglichung:

  • Naturalisierung: Geschlechterverhältnis wird durch Natur erklärt („Frauen sind schwächer und deshalb untergeordnet“), nicht als soziales Phänomen (z.B. Biologismus)
  • Hypostasierung: Annahme einer Menschennatur, „im Wesen des Menschen liegen Konkurrenz und Egoismus“

Bezug zu anderen Theorien der Shoah und des Nationalsozialismus:

  • Postone grenzt sich sowohl von „Strukturalisten“, als auch von „Intentionalisten“ ab
  • Strukturalismus: Vertreter z.B. Christopher Browning 1993: Ordinary Men: Reserve Police Battalion 101 and the Final Solutuion in Poland
  • Erklärt die Shoa hauptsächlich durch die bürokratischen Strukturen. Extreme Position des Strukturalismus: In den „Kriegswirren“ habe sich die Massenvernichtung an den Juden quasi „zufällig“ entwickelt (siehe widersprüchliche NS-Politik) 
  • Intentionalismus: Vertreter z.B. Daniel Goldhagen Hitler's Willing Executioners: Ordinary Germans & the Holocaust
  • Geht von der Handlung und Intention von Individuen aus. Die Mehrheit der Deutschen waren exterminatorische AntisemitInnen und haben sich gerne am 2. Weltkrieg und am Holocaust beteiligt. Im Blickpunkt steht der „deutsche Sonderweg“ in der Geschichte.

Andere Ansätze:

  • Nationalsozialismus als Produkt der Moderne:
    Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung
    Zygmunt Bauman: Holocaust and Modernity
  • ein „deutscher Sonderweg“ spielt keine besondere Rolle. Es geht mehr um die Aufklärung und Moderne im Allgemeinen.

Zum Weiterlesen:

 

Anhang 1

Was ist Kapitalismus?

Eine kurze Zusammenfassung des „Kapitals“ von Karl Marx, sie ist natürlich stark verkürzt und vereinfacht.

Zu diesem Themenkomplex ist das Buch Kritik der politischen Ökonomie von Michael Heinrich empfohlen.

Der Kapitalismus wird im wesentlichen durch die Kategorien Wert, Ware, Geld, Kapital und Arbeit ausgemacht. Wert= Gebrauchswert (z.b. ein Messer kann schneiden) und Tauschwert (ein Messer kann man gegen andere Waren eintauschen), da sind wir gleich beim nächsten: der Ware, jemand verausgabt seine Arbeitskraft und stellt einen Gebrauchswert her, der gleichzeitig auch ein Tauschwert ist. Eine Ware kann man gegen andere waren eintauschen, im Kapitalimus sogar gegen alle anderen Waren (natürlich abhängig vom Tauschwert). Da sind wir auch beim Geld. Das Geld ist auch nur eine Ware. Geld kann man gegen alle anderen Waren eintauschen. 300€ kann man auch in einem Fahrrad, einer Monatsmiete oder im Gehalt einer studentischen Hilfskraft ausdrücken. Auch die menschliche Arbeitskraft ist eine Ware und der Arbeitslohn ihr Äquivalent. Geld ist das allgemeine Tauschäquivalent, alle Waren sind gegen Geld eintauschbar. Das Kapital ist "sich selbst vermehrender Wert". Ein Fabrikbesitzer kauft Waren, lässt sie von Arbeiterinnen verarbeiten (die produzieren den Mehrwert), dann werden die Waren verkauft und es wird ein Gewinn gemacht (oder auch nicht, das ist dann Pech bzw. eine Krise). Der Mehrwert entsteht dadurch, dass die menschliche Arbeitskraft bezahlt wird, die geschaffenen Werte (das Arbeitsprodukt) aber einen höheren Wert besitzen. Dann gibt es noch Banken und Börse, aber die sind -letztendlich- auch wieder vom Mehrwert abhängig. Was den Kapitalismus auch noch bestimmt sind Produktionsweise, Produktionsverhältnisse und Produktivkraftentwicklung. Die Produktivkraftentwicklung kann man einfach als den Stand der Technik beschreiben. Die Produktionsverhältnisse sind dadurch bestimmt, wie in einer Gesellschaft produziert wird. z.B. jagen und sammeln, Subsistenzwirtschaft,  asiatische, häusliche oder feudale Produktionsweise. Im Feudalismus bebauen Bäuerinnen&Bauern das Land, ernähren sich im wesentlichen davon, müssen aber "den zehnten" an einen Feudalherren abgeben und Fronarbeit leisten. Im Kapitalismus herrscht die industrielle Produktionsweise. Die Produktionsverhältnisse sind davon bestimmt, wer die Produktionsmittel (z.B. Steinschleuder oder Bmw-Fabrik) besitzt. im Kapitalismus gibt es Besitzende (von Geld, Kapital,  Produktionsmittel) und Besitzlose, die ihre Arbeitskraft an Besitzende verkaufen müssen. Daneben gibt es natürlich noch Selbstständige, Kleinbürgertum und andere Schichten. Der Kapitalismus ist eine Warengesellschaft, das heißt alle Gebrauchswerte sind Waren und (nahezu) alle menschlichen Bedürfnissee werden über den Markt befriedigt ( auf dem Markt sind Arbeitskraft, Boden und alle anderen Waren erhältlich). Deshalb ist der Kapitalismus totalisierend, d.h. alle Lebensbereiche durchdringend. Deshalb spricht man auch von Wertvergesellschaftung. Der Kapitalismus konstituiert die Gesellschaft.


Aktien –Börse- Zins ?

(Text-Auszug von Martin Dornis (Wertkritische Kommunisten) „Die Halbe Wahrheit ist die ganze Unwahrheit“)

Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe des kapitalistischen Systems waren Banken erforderlich, um eine Weiterentwicklung in wert- und warenförmiger Gestalt zu ermöglichen. Kapitalismus geht nur bei quasi unbegrenztem wirtschaftlichen Wachstum. Auf jener Stufe - und die war gegen Ende des 19. Jhd. erreicht, war es einzelnen Unternehmern nicht mehr möglich, derartig hohe Investitionssummen aufzubringen. Sie mußten sich daher Anleihen von den entstehenden Banken nehmen - den Kredit. Damit verändert der Kapitalismus sein Wesen. Das Kapital teilte sich auf in Realkapital und zinstragendes Kapital. Das Realkapital ist das produzierende, das zinstragende das Geldleihende. Damit entsteht neben einem Waren- und Arbeitsmarkt nun auch ein Geldmarkt. Das Geld wird zur Ware und bekommt seinen Preis - den Zins.
Mit der weiteren Entwicklung des Kapitalismus teilte sich dann auch das Realkapital nochmals auf. Es gibt nun nicht mehr einzelne Unternehmer, die Investitionen durchführen, sondern es kommt zur Herausbildung von Aktiengesellschaften. Das Realkapital gehört dann nicht mehr einem einzelnen Kapitalisten, sondern einer Gruppe von Aktionären. Sie haben am Kapital ihre Aktien, es gehört ihnen also nur anteilig. Die Aktie ihrerseits wirft einen doppelten Gewinn ab. Einerseits den realen Gewinn durch reale Produktion, der sich in der Aktie wiederspiegelt - die Dividende. Andererseits wird die künftige Entwicklung, die vorausgeahnte und vorausgehoffte Produktionssteigerung zum Objekt der Spekulation - die sich im Aktienkurs ausdrückt. Damit entsteht die Börse, an der über künftige ökonomische Entwicklungen spekuliert wird.
Die Aktiengesellschaften ihrerseits stellen nun wiederum ein Management, daß mit der Verwaltung und betriebswirtschaftlichen Durchrationalisierung der Produktion beauftragt wird, ein.
Diese Entwicklung entspringt unmittelbar dem Wesen des Kapitalismus. Ohne Börse ist moderner Kapitalismus nicht funktionsfähig. An dem Punkt aber, an dem die reale Produktion hinter der erhofften Entwicklung zurückbleibt, droht das kapitalistische System aus seiner immanenten Krisendynamik heraus zu zerbrechen. Einen Eindruck davon vermittelte der Gründerkrach in Deutschland am Ende des 19. Jhd. Die Unternehmen konnte das geliehene Kapital nicht mehr zurückzahlen, die Kredite erwiesen sich als faule und die Finanzblase zerplatzte. In der Folge gingen die Unternehmen bankrott, die reale Produktion die am Tropf der Banken hing, brach in sich zusammen.

 

Zum Themenkomplex Faschismus und Nationalsozialismus:

Bücher:

  • Zeev Sternhell: Die Entstehung der faschistischen Ideologie- von Sorel zu Mussolini
  • Mark Neocleous: Fascism
  • Stuart Hood/ Litza Jansz: Introducing Fascism and Nazism  

 

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